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Post von und an politische Häftlinge

Postalisch gelaufene, von und an inhaftierte Antifaschisten, Kriegsgegner und Sozialisten versandte Postkarten.   
Beachten Sie, dass zwischen Bildseite und beschrifteter Adressseite kein unmittelbarer Zusammenhang besteht

Stand: 26. März 2017

1921

 

Objekt: 1921_woche
   
 
Deutschland
Titel: Zur ersten Internationalen Arbeiter-Kinder-Woche 27. Juni bis 3. Juli 1921. Veranstaltet von der Jugend-Internationale.
Verlag: -
Signatur: KG. 21.
Künstler: Kurt Gundermann (Lebensdaten?), Grafiker.

Hintergründe zur Postkartensendung: Genossinnen und Genossen des Häftlings Heinrich Becker übersandten Anfang Juli 1921 diese Grußkarte in das Zuchthaus Ludwigsburg (bei Stuttgart; Baden-Württemberg). Empfänger ist Heinrich Becker, höchstwahrscheinlich Mitglied der KPD oder einer anderen kommunistischen Organisation, der wegen seiner politischen Betätigung zu einer Zuchthausstrafe verurteilt worden ist. Das politische Bekenntnis auf einer offenen Postsendung, wie es hier der Fall ist, ist ungewöhnlich und sehr selten. Die handschriftliche Nachricht, die von 6 oder 7 Personen unterschrieben ist, lautet: "Die Alten und Jungen Kommunisten von Eßlingen senden die besten Grüße / Anna Friedrich / Richard Hägele" (und weitere Unterschriften) (Orthografie wie im Original). Auf der Bildseite verblasste Farbstiftbemerkung: "Zu den Akten". Ob die Karte dem Häftling vorgelegt worden ist, ist nicht ersichtlich. Biografische Daten über die namentlich genannten Personen konnten wir nicht ermitteln. //
Kartenherausgeber und Veranstalter der 1. Internationalen Arbeiter-Kinder-Woche im Jahr 1921 war nicht die Arbeiter-Jugend-Internationale (eine Gründung der sozialdemokratisch orientierten "Sozialistischen Internationale"), sondern die Kommunistische Jugendinternationale. Bemerkenswert ist der äußerst selbstbewusste, optimistische, ja kämpferische Gestus des abgebildeten Mädchens; er steht für den Aufbruch in eine neue Zeit. // Die Karte ist Teil einer Postkartenserie, die - neben mehreren Plakaten - der Künstler Kurt Gundermann aus dem genannten Anlass gestaltet hat.
Postalische Merkmale:
Gelaufen Juli 1921 (Eßlingen).
Datierung der Kartenproduktion: Vor Juni 1921. 
Sammlung: Proletcard


1927

 

Objekt: 1927_temme
   
 
Deutschland
Titel: SACCO - VANZETTI. / Ermordet am 22.8.1927 in Boston von der amerikanischen Klassenjustiz.
Verlag: Mopr-Verlag Berlin.
Hintergründe zur Postkartensendung: Eine im Dezember 1927 an den "pol. Gefangnen" Hermann Temme gesandte Karte. Als Absender ist "Familie H. Heidkamp in Köln-Höhenberg" angegeben. Die Heidkamps teilen mit:
"Die Gewissheit, dass wir treu unserer Genossen gedenken soll Euch das schwere Los tragen helfen. Harre aus bis auch dir die Stunde der Freiheit schlägt. Mit proletarischem Gruß Familie H. Heidkamp" (Orthografie wie im Original). 
Hermann Temme gehörte zu den vielen politischen Häftlingen, die nach der großen Amnestie vom 9. November 1927 nicht aus der Haft entlassen wurden. Auch deshalb will diese Karte dem Inhaftierten vor dem Weihnachtsfest das Gefühl vermitteln, dass seine Genossen ihn nicht vergessen haben. // Hermann Temme aus Bochum, geboren 1897, wurde 1924 vom Landgericht Bochum zu einer Zuchthausstrafe von 10 Jahren verurteilt. Er war beschuldigt worden, mit einem Maschinengewehr mutmaßlich Schüsse abgegeben zu haben; ein Beweis konnte nicht erbracht werden. Nähere Angaben, z.B. zu Anlass und Jahr der vorgeworfenen Tat sowie über Temmes weiteres Schicksal, liegen der Redaktion nicht vor. 
Postalische Merkmale: Gelaufen Dezember 1927 (Köln).
Datierung der Kartenproduktion: August 1927. 
Sammlung: Proletcard


1927 / 28 

 

 

 
  Objekt: 1927_justizpalast
 

 

 

Österreich / Deutschland
Titel: Wien 15. und 16. Juli 1927. 
Adressseite Drucktext: Ein unbewaffneter Arbeiter wendet sich gegen verfolgende Polizeipatrouillen mit dem Rufe: „Da, schießt her!“ und reißt Rock und Hemd auf. – Die Polizei schoß wirklich! (Durch Zeugenaussagen protokollarisch aufgenommener Tatbestand.) / Herausgegeben im Verlag „Österreichische Rote Hilfe“. Gewidmet den Juliopfern.
Verlag / Herausgeber: Verlag „Österreichische Rote Hilfe“.
Hintergründe zur Postkartensendung:
Eine Jugendformation des RFB sandte am 19.3.1928 (Poststempel) diesen Kartengruß an ihren inhaftierten Genossen Arthur Koß: "Lieber Genosse! Die revolutionären Grüße unserer Genossen im Gedenken sendet dir Rote Jungfront Abt. 10 /  i.A. Fritz Reibe". Vor dem Absenden der Karte hat Fritz Reibe noch den Bestimmungsort von Gefängnis Fuhlsbüttel in Gefängnis Hahnöfersand geändert (Hahnöfersand ist ein Hamburger Gefängnis in der Elbgemeinde Jork). Auf dem beigeklebten Prüfzettel wird festgestellt, dass die Karte "von einem entlassenen Strafgefangenen" stammt und zu den Akten (z.d.A.) gelegt, also nicht an Koß ausgehändigt worden ist. 
// Arthur Koß (1904-1944) wuchs in Hamburg-Barmbek auf, erlernte den Beruf eines Modelltischlers und gründete nach dem Umzug der Familie nach Hamburg-Langenhorn eine Ortsgruppe der SAJ. Er schloss sich der KPD und dem RFB an, um aktiv gegen den erstarkenden Faschismus in Deutschland beizutragen zu können. Im Verlaufe einer KPD-Demonstration im Herbst 1927 in der Hamburger Innenstadt kam es zu körperlichen Auseinandersetzungen, infolge derer er verhaftet und im Januar des Folgejahres vom Landgericht Hamburg wegen Landfriedensbruch zu acht Monaten Gefängnis verurteilt wurde, die er bis zu einer Amnestie im Juli absaß. Die Postkarte kam also in dieser Haftzeit zum Versand. Die genauen Umstände der vorgeworfenen Tat sind noch nicht ermittelt (Stand Januar 2016). 1933 verhaftet, überstand Arthur Koß lange Haftjahre in den Konzentrationslagern Fuhlsbüttel, Papenburg und Neuengamme. Kurz vor Kriegsende wurde er - wie viele politische Häftlinge - in das SS-Kommando Dirlewanger gezwungen, das an der slowakisch-ungarischen Grenze gegen die Rote Armee zum Einsatz kam. Hier starb er im Dezember 1944.
Postalische Merkmale: Gelaufen März 1928 (Hamburg).
Datierung der Kartenproduktion: Juli 1927. 
Sammlung: Proletcard
 


 
1930 / 32
  Objekt: 1932_peters
  
Deutschland
Titel: Karl Peters zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt, eingekerkert seit 1924, zweimal um die Amnestie betrogen. / 3000 politische Gefangene rufen: Kampf für die Vollamnestie / Übt Massensolidarität
Adressseite Drucktext: 116 Arbeiter-Morde in 14 Monaten! 3000 polit. Gefangene appellieren: Übt Massensolidarität für Terror-Opfer- und Gefangenen-Hilfe! Schutz und Hilfe allen Opfern! Kämpft mit der Roten Hilfe! Heraus zum Solidaritätsaufgebot! / 20.000 Angeklagte rufen: 200 000 neue Mitglieder in die Rote Hilfe! / Adresse: Karl Peters, polit. Gefangener / Zuchthaus Brandenburg / Preis 10 Pfg.
Verlag / Herausgeber: Rote Hilfe Deutschland.
Hintergründe zur Postkartensendung:
Die an den "Strafgefangenen Josef Biergans" gerichtete Neujahrskarte überbrachte dem Empfänger "revolutionäre Grüße" von der Ortsgruppe Porz (der RHD oder KPD). Porz liegt am Rhein und ist seit 1975 ein Stadtteil von Köln. Am oberen Rand der Adressseite erkennen wir die handschriftlichen Bemerkungen des Personals der Haftanstalt: "1) vorzeigen, 2) zrck. [Signatur] 8/1". Demnach durfte der Häftling die Karte am 8. Januar 1932 kurz in Augenschein nehmen. Solche Signale der Solidarität gehörten zur Betreuung inhaftierter Genoss(inn)en durch die Rote Hilfe (RHD). 
// Die Strafanstalt Rheinbach (bei Bonn) wurde 1914 als Zuchthaus gegründet und besteht noch immer. // Über den politischen Gefangenen Josef Biergans liegen derzeit keine biografischen Angaben vor (Stand Dezember 2016).

 

// Das Kartenmotiv ist dem inhaftierten Kommunisten Karl Peters und weiteren 3000 politischen Gefangenen in Deutschland gewidmet. Peters gehörte (wie auch Max Hoelz) zum Umfeld der anarchistischen KAPD-Gruppierung Karl Plättners, die Anfang der 1920 Jahre mittels Bank- und Raubüberfällen eine "Expropriation der Expropriateure" zur Praxis politischen Handelns in Mitteldeutschland erhob. Während das Gericht Plättner politische Motive zuerkennen musste, unterblieb dies bei verhafteten Mitgliedern anderer "Expropirationsgruppen". Obwohl Plättner 17 Überfälle zugeordnet wurden, kam er durch die Amnestie von 1928 wieder frei. Ebenso Hoelz. Karl Peters und anderen Inhaftierte, die als Kriminelle galten, fanden erst durch Erich Mühsams Fürsprache Anerkennung als politische Gefangene durch die Rote Hilfe und die KPD. Peters bekannte sich während der Haftjahre zur KPD. Im Winter 1930 / 1931 organisierte die RHD, unterstützt durch die KPD-Presse, eine große Amnestiekampagne ("Rettet Karl Peters") für den im Zuchthaus Brandenburg einsitzenden Häftling. Anfang 1932 wurde er als Landtagskandidat der KPD aufgestellt. Eine Überprüfung des Urteils erbrachte die Reduzierung der lebenslänglichen Zuchthausstrafe auf eine Haftzeit bis 1936. Die Nazis entließen Peters jedoch nicht aus der Haft, sondern verschärften die Haftbedingungen für ihn. Peters kam 1943 im KZ Mauthausen um.     
Postalische Merkmale: Gelaufen am 6. Januar 1932 (Postsempel PORZ).
Datierung der Kartenproduktion: Ende 1930.
Sammlung: Proletcard

1939

                   

Objekt: 1939_helpo
 

 

 
 
  Bulgarien / China
Titel in Esperanto: Helpo al Ĉinio estas helpo al la mondpaco! / Ĉinaj partizanoj dum manĝado.
Übersetzung: Hilfe für China ist Hilfe für den Weltfrieden / Chinesische Helfer beim Essen.
Herausgeber / Verlag: “Voĉoj el oriento” (1938-1939 in China hgg. sozialistische Zeitschrift in Esperanto).
Texte: Aufdrucke in Esperanto, handschriftliche Mitteilungen und Zensurstempel in Bulgarisch. 
Hintergründe zur Postkartensendung: Im Dezember 1939 richtete der Absender der Karte, "Kionota" aus dem südbulgarischen Charmanli, eine Postkarte "an den politischen Häftling Hristo Apostolow" im Zentralgefängnis von Sliwen im Ostteil des Landes. Besorgt fragt er an, ob der inhaftierte Freund die Geldsendung über 160 Lewa und einen vor Monaten abgesandten Brief erhalten habe. Kionota bittet ausdrücklich darum, den Empfang aller Sendungen zu bestätigen. Offensichtlich schrieb hier ein Mitglied der illegal wirkenden bulgarischen Roten Hilfe, das im Auftrag der Organisation den Kontakt zu politischen Gefangenen aufrecht erhalten sollte. Auch die Anrede mit "Sie" lässt darauf schließen. Auf der Adressseite der Postkarte ist ein Prüfstempel der Gefängnisverwaltung zu sehen ("Zentralgefängnis Sliwen / Geprüft / Superintendent"). Ob die Karte an den vorgesehenen Empfänger ausgehändigt worden ist, ist nicht ersichtlich. 
// Nach einem Militärputsch im Jahr 1934 errichtete Zar Boris III. ab 1935 in Bulgarien ein monarchofaschistisches Regime. Zwar ließ er Wahlen zu und führte hierzu das Frauenwahlrecht ein, doch die politischen Parteien und Organisationen waren verboten. Am Vorabend der Parlamentswahlen 1938 ließ der Zar 10.000 Aktivisten der Volksfrontbewegung (zumeist Kader der Bulgarischen Arbeiterpartei) verhaften. Rund 1000 von ihnen wurden in verschiedenen Landesgebieten interniert. Möglicherweise gehörte auch Hristo Apostolow zu den Verhafteten. Die Verhaftungswelle konnte nicht verhindern, dass ein Drittel aller 180 Mandate auf den oppositionellen "Verfassungsblock" entfielen. Die Rote Hilfe, legal in den 20er Jahren gegründet, gehörte unter Zar Boris III. zwar zu den verbotenen Organisationen, doch nach den Volksfrontdirektiven der Komintern im Jahr 1935 entfalteten die Kommunisten im Land eine äußerst flexible Tätigkeit und traten in legale Vereine und Gewerkschaften ein, um dort ihre Arbeit weiterzuführen.
Postalische Merkmale: Gelaufen Dezember 1939 (Charmanli und Sliwen).
Datierung der Kartenproduktion: 1938 / 1939. 
Sammlung: Proletcard
 

 


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